Aufbruch in eine neue Zeitrechnung – die Chancen der Krise ergreifen

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Zukunft des Westens Aufbruch in eine neue Zeitrechnung
23. März 2021

Aufbruch in eine neue Zeitrechnung – die Chancen der Krise ergreifen

Mit Clemens Fuest, Claudia Nemat, Julia C. Arlinghaus und Thomas Jarzombek

In unserer Reihe "Zukunft des Westens" diskutierten Prof. Dr. Clemens Fuest, Präsident ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V., Claudia Nemat, Mitglied des Vorstands der Deutschen Telekom AG, Prof. Dr. Julia C. Arlinghaus, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF in Magdeburg und Thomas Jarzombek MdB, Beauftragter des Ministeriums für Wirtschaft und Energie für Digitale Wirtschaft und Start-ups, darüber, was wir ökonomisch und gesellschaftlich aus der Pandemie-Krise lernen können. Moderiert wurde die Online-Konferenz von der Wirtschaftsjournalistin Dr. Ursula Weidenfeld.

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Staatssekretär für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Internationales des Landes Nordrhein-Westfalen Dr. Mark Speich, Bevollmächtigter des Landes beim Bund stellte in seiner Begrüßung fest: Es ist ein guter Zeitpunkt, um am Tag der nach Ministerpräsidentenkonferenz in die Zukunft zu schauen und nach Chancen zu fragen. Die Corona-Krise legt manche Defizite offen und wirft Fragen bis hin zur Staatsorganisation auf. Um den Blick nach vorne zu weisen, den Blick auf die Chancen zu richten und erste Schlussfolgerungen aus der Krise zu ziehen, sollte man nicht warten, bis sie vorbei ist.

Am Vortag der Konjunkturprognose des ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. skizzierte dessen Präsident Clemens Fuest die wirtschaftlichen Herausforderungen, die die Pandemie aufgeworfen hat. Ein Blick auf die Konjunktur offenbart: Das Bruttoinlandsprodukt hat gegenüber 2019 rund 325 Milliarden Euro verloren. Fraglich ist indes, ob das BIP hier ein aussagekräftiger Indikator ist. Zuwächse bei der Maskenherstellung und allgemein im Gesundheitswesen und bei Laboren steigern das BIP und verzerren das Bild. Nicht eingeschlossen sind u.a. auch Verluste durch entfallene Schulbildung. Wenn ein Drittel eines Schuljahres entfällt, sinkt das Erwerbseinkommen über das Berufsleben um drei bis vier Prozent. Ein dramatischer Befund, der die BIP-Verluste in den Schatten stellt. Angesicht dessen fragt sich, ob mit der Diskussion über Mallorca-Urlaube die Schwerpunkte richtig gesetzt sind. Während die Staatsschuldenquote um 20 Prozentpunkte zulegt, zeigt der Geschäftsklimaindex nach oben, was aber dem geringen vorangegangenen Niveau geschuldet ist. Während der Einzelhandel schlecht dasteht, ergibt sich für den Dienstleistungssektor ein gemischtes Bild, während die Industrie wiederum einigermaßen gut durch die Krise kommt. Die Krise am Arbeitsmarkt, das zeigen die Zahlen, hat jetzt jedenfalls eine völlig andere Dimension als während der Finanzkrise. Von Insolvenzen betroffen oder bedroht sind vor allem Unternehmen, denen es schon vor der Krise schlecht ging. Sie streichen Investitionen, bekommen schwierig oder keine Kredite und bauen Beschäftigung ab. Die Krise ist damit auch ein Beschleuniger des Strukturwandels.

Demgegenüber ist ein Digitalisierungsschub zu verzeichnen, und digitale Geschäftsmodelle können erfolgreich expandieren. Gleichzeitig sind negative Auswirkungen auf andere Branchen zu beobachten, etwa dem Einzelhandel oder die Gastronomie. Die Verödung von Innenstädten beschleunigt sich. Branchen wie die Sharing Economy sind ebenfalls hart getroffen, kommen aber zurück. Eine Schlüsselrolle wird in Deutschland die Autoindustrie spielen. Die Frage ist: Schafft sie den Umbruch hin zur Elektromobilität? Immerhin handelt es sich hierbei um keine Marktentwicklung, sondern um eine Folge staatlich-planerischer Vorgaben. Ein Blick auf die Neuzulassungen zeigt: Elektroautos und vor allem Hybridfahrzeuge legen deutlich zu. Großen Autoherstellern geht nicht schlecht, aber auf den Zulieferern lastet der größte Restrukturierungsdruck. Ohne die Automobilindustrie wird es keinen Aufschwung geben. Das heißt, dass die Transformation dort jetzt besonders wichtig ist.

Deutliche Veränderungen gibt es auch am Arbeitsmarkt. 56% der Beschäftigten haben einen prinzipiell Home-Office-fähigen Job. Das ortsunabhängige Arbeiten wird nach der Krise auf einem höheren Niveau verbleiben als davor. Gleichzeitig zeigt sich hier eine neue Ungleichheit. Je niedriger die Qualifikation, desto häufiger ist Kurzarbeit zu beobachten. Je höher die Qualifikation, desto höher ist auch der Anteil an Home-Office. Diese Spaltung nach Qualifikation wird sich dramatisch beschleunigen. Home-Office hat seine Stigmatisierung abgelegt und ist hoffähig geworden. Das heißt aber auch: Die Möglichkeiten für Hochqualifizierte werde wachsen, niedrig Qualifizierte werden zurückfallen.

Beim staatlichen Handeln hat sich gezeigt, dass sich der Staat bei der Verteilung von Geld deutlich leichter getan hat, als bei der Bereitstellung realer Güter wie Masken, Tests oder Impfstoffen, wo eine reale Knappheit auszugleichen ist. Auch bei der Bereitstellung oder Veränderung von Infrastruktur und neuen Managementprozessen haben sich Schwächen gezeigt.

Für Claudia Nemat, Mitglied des Vorstands der Deutschen Telekom AG beschleunigt die Krise den Strukturwandel und zeigt deutlicher die Versäumnisse der Vergangenheit auf. Digitalisierung ist für sie sowohl eine technische wie auch soziale Entwicklung, die es zu gestalten gilt. Bei der Telekom waren und sind etwa 180.000 Menschen im Home-Office, was man sich vorher nicht hätte vorstellen können. Dafür braucht man eine stabile Technologie, auch für die Kunden: Netflixparties haben um 3.000 Prozent, Videokonferenzen um über 100 Prozent zugenommen, während die Netze dies verkraftet haben und stabil blieben. Es hat sich nach Nemat ausgezahlt, in den vergangenen Jahren massiv in Resilienz und Agilität investiert zu haben mit der größten Netzmodernisierung in der Geschichte der Telekom. In Deutschland sind mittlerweile 26 Millionen Menschen mit Breitband versorgt, zugleich sind die Netze weniger fehleranfällig und verbrauchen bei steigendem Traffic weniger Energie. Durch Modernisierungen in diesem Bereich konnte das Unternehmen den Stromverbrauch in der Größenordnung der Stadt Köln einsparen. Nemat schilderte auch den Wandel ihres Unternehmens von einer staatlichen Behörde zu einem globalen Unternehmen. Investiert wurde besonders in die Arbeitsweisen und Fähigkeiten der Mitarbeiter. In der Aufbau- und Ablauforganisation wurde der Weg von starren hierarchischen Systemen hin zu mehr Flexibilität und dezentraler Eigenverantwortung beschritten, wodurch auch schnellere Reaktionszeiten möglich sind etwa bei der Überwachung des Verkehrs auf feingranularem Niveau, beim Umrouten in Echtzeit und der an Bedarfen ausgerichteten Erweiterung von Plattformen.

Mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist es, so Nemat, schwierig, in der Krise historische Versäumnisse nachzuholen. Lehrermangel, zu große Klassen, Investitionsstau in Schulen und ähnliches sind keine neuen Erkenntnisse, sie werden jetzt aber besonders virulent. Als Konsequenz forderte sie als erste Priorität die Wiederherstellung der Schlagkräftigkeit des Staates und seiner Institutionen – auch mit Hinblick auf Reaktionsgeschwindigkeit. Arbeitsweisen und Abläufe in der Verwaltung seien oftmals wie vor 20 Jahren, woran viele digitalpolitische Vorhaben und Vorgänge scheiterten, bis hin zum Impfen und Testen. Ihre Empfehlung: Staatliche Einrichtungen müssen stärker zu lernenden Organisationen werden und brauchen als Anschub für digitales Enablement mehr Expertise von außen. Dazu müssten Offenheit und Zusammenarbeit neue Leitgedanken zwischen Staat, Wirtschaft und Forschung werden, um Know-how-Transfer zu erzielen.

Julia C. Arlinghaus, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF in Magdeburg warf zunächst einen Blick auf die Chancen der digitalen Transformation. Faktoren wie der New Green Deal, globale Handelskonflikte und Risiken sowie Kundenindividualisierung sind verschiedene Digitalisierungstrigger. Gleichzeitig fehlt es aber noch an der Realisierung der Industie-4.0-Potenziale, wo viele Projekte häufig noch stocken. Gleichzeitig muss man mehr über globale Verantwortung, und Lieferkettenzuverlässigkeit sprechen sowie über die Ziele von mehr Effizienz bei gleichzeitiger Sicherstellung menschenwürdiger Arbeitsplätze. Ein komplexes Feld. Lean Management und just-in-time sind noch nicht am Ende, sondern rücken noch mehr in den Mittelpunkt. Die Frage ist: Wie lassen sich Lieferketten weiterhin bestandsarm fahren? Mitunter fehlt es an operativer Exzellenz, an Standards und an Konnektivität. Viele Unternehmen ersticken schier an Komplexität, und Systembrüche in alle Bereichen machen ineffizient.

Insgesamt bemängelt Arlinghaus zu wenig Investition in die IT-Infrastruktur und Basis. Auch bei der IT-Harmonisierung, bei Standards, Vernetzung und Optimierung ist zu wenig passiert. Von der smarten Fabrik, wo alle Material- und Informationsflüsse Ende-zu-Ende mit einander verbunden sind, ist man noch ein Stück entfernt. Dabei schlummern hier gigantische Optimierungspotenziale von 30 bis 45 Prozent. Es bedeutet signifikant weniger Wartung und Instandhaltung, wenn sich Systeme in Echtzeit anpassen. Bessere Prognosen entlang der Lieferkette werden benötigt, KI kann hier die Kapitalbindung reduzieren helfen, wenn weniger Bestände und damit Lagerflächen benötigt werden.

Ein weiter zentraler Punkt ist nach Arlinghaus die Frage der Ressourceneffizienz. Dahinter steht die Frage, wie sich in globalen Lieferketten Risiken managen lassen bei gleichzeitiger Übernahme von Verantwortung bei der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen. Lieferketten sind aus guten Gründen komplex. Deswegen gilt es, hinreichend Transparenz zu schaffen und neue Kooperationsformen entlang den Lieferketten zu finden. Chance und Herausforderung zugleich sind Zero-Energy-Production und die Maßnahmen gegen den Klimawandel insgesamt. Hier gilt es aktuell, die Fabriken in die neue Realität zu bringen mit nachhaltiger Produktion, unternehmensspezifischen Energieeffizienzmaßnahmen und KI-verbesserter Anlageneffizienz.

Thomas Jarzombek MdB, Beauftragter des Ministeriums für Wirtschaft und Energie für Digitale Wirtschaft und Start-ups, skizzierte die Maßnahmen, die der Bund ergreift, um den digitalen Markt für Start-ups und den Mittelstand weiter zu öffnen sowie die Rahmenbedingungen für einen internationalen Markt zu verbessern. Digitale Technologien und Know-how entscheiden in der Wirtschaftswelt in besonderem Maße über die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Damit der Mittelstand die wirtschaftlichen Potenziale der Digitalisierung ausschöpfen kann, unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium kleine und mittlere Unternehmen mit dem Programm „Digital Jetzt – Investitionsförderung für KMU“. Das Programm bietet finanzielle Zuschüsse und soll Firmen dazu anregen, mehr in digitale Technologien sowie in die Qualifizierung ihrer Beschäftigten zu investieren. Die inzwischen 26 vom Ministerium ins Leben gerufenen Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren stehen Unternehmen mit zahlreichen kostenlosen Angeboten bei der Digitalisierung ihrer Prozesse im Betrieb zur Seite. Die Angebote der Zentren wurden um das Thema Künstliche Intelligenz erweitert. 2021 fiel auch der Startschuss für den Beteiligungsfonds für Zukunftstechnologien. Dieser Zukunftsfonds wird insbesondere Finanzmittel in die kapitalintensive Skalierungsphase von Start-ups investieren, damit mehr junge, innovative Unternehmen aus Deutschland heraus in die Weltspitze aufsteigen können. Im Januar 2021 startete zudem das Interessenbekundungsverfahren für die Förderung von Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien im Rahmen der „Important Projects of Common European Interest“ (IPCEI) der EU. Hier will der Bund Forschungs- und Investitionsvorhaben bis zur ersten gewerblichen Nutzung mit den Schwerpunkten digitale Souveränität, Sicherheit und Nachhaltigkeit fördern. In der Diskussion rückte die Rolle des Staates bei der Wirtschaftsförderung in den Mittelpunkt. Politiker, so Jarzombek, sind nicht die besseren Manager. Die Transformation muss in den Unternehmen unter Wettbewerbsbedingungen erfolgen und ist damit Teil der Marktwirtschaft.

Das abschließende Fazit von Staatssekretär Speich fiel differenziert aber positiv aus: Auch wenn wir die Defizite nun stärker sehen und Veränderung kein Selbstläufer ist, scheint das Glas nach der Diskussion voller als halbvoll. Das Land hat alle Möglichkeiten, die Krise als Chance zu nutzen.

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